Engel und andere Vögel


Engel und andere Vögel

Artikel-Nr.: 978-3-9810777-1-1

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Dr. Klement fuhr auf. Dort, in dem anderen Sessel, der mit der Lehne zum Feuer gewandt stand, glaubte er, den schattenhaften Umriss einer Person zu erkennen. Aber natürlich war das völlig unmöglich. Wie sollte ein Fremder unbemerkt hier in seine Wohnung eindringen? Trotzdem fragte er unsicher in Richtung des Schattens: „Ist da jemand? Wer sind Sie?“
Eigentlich hatte er nicht erwartet, eine Antwort zu bekommen. Umso erstaunter war er, als die höfliche Stimme sagte:
„Sie kennen mich nicht? Herr Doktor Klement! Ich bin es doch: Nikolaus Busch, Ihr Patient!“
Nikolaus Busch! Der Mann war tatsächlich Patient auf der Station. Seit Monaten saß er in der geschlossenen Abteilung. Er hielt sich für einen englischen Adligen, Earl of Soundso und Mitglied des Oberhauses - Schizophrenie, ohne Aussicht auf Heilung. Busch war im Frühjahr von der Polizei in die Klinik gebracht worden, weil er versucht hatte, seine Frau umzubringen. Seine Frau hätte ihm, seiner Meinung nach, nicht den nötigen Respekt entgegengebracht. Also war er mit dem Messer auf sie losgegangen. In letzter Sekunde hatte sie sich in der Küche verbarrikadieren und um Hilfe rufen können. Nikolaus Busch war ein hochintelligenter, sensibler und zurückhaltender Mensch. Während seiner schizophrenen Schübe war er jedoch brutal und berechnend und handelte absolut gefühlskalt.
Ein leiser Schauder überfiel Dr. Klement. In seiner Verwirrung kam er überhaupt nicht auf den Gedanken, die nächstliegenden Fragen zu stellen: Wie war dieser Nikolaus Busch hierher gekommen? Wie konnte er unbemerkt die geschlossene Station verlassen und in die Privatwohnung eindringen? Stattdessen fragte Dr. Klement – bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben:
„Und? Was wünschen Sie? Ich kann mich nicht erinnern, Sie eingeladen zu haben.“
Der Schatten schien zu lächeln. „Nein, eingeladen haben Sie mich nicht. Das war auch nicht nötig. Ich bin aus einem bestimmten Grund zu Ihnen gekommen: Ich will Ihnen eine Lehre erteilen.“
Dr. Klement schüttelte den Kopf. Dieser Mann musste wirklich irrsinnig sein! Andererseits war Dr. Klement neugierig, was er von ihm wollte. So wartete er ruhig ab.
„Sie werden sich sicher an unseren letzten Gesprächstermin erinnern.“
Dr. Klement dachte kurz nach, was Busch meinte. Er musste sich wohl auf das wöchentliche therapeutische Einzelgespräch beziehen, das die Ärzte mit bestimmten Patienten führten. In Busch‘s Fall war die Sitzung tatsächlich erst gestern gewesen, kurz vor Ende der regulären Arbeitszeit gegen siebzehn Uhr.
„Der Pfleger hatte mich zu Ihrem Büro geführt, wo ich eine Weile auf Sie warten musste. Ich muss übrigens fast immer auf Sie warten, wenn ich mein Gespräch habe. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Jedenfalls hatte ich mir in der Zeit bis Sie kamen erlaubt, einen kurzen Einblick in meine Patientenakte zu nehmen. In dem Bericht, den Sie über mich verfasst haben, bezeichnen Sie mich als ‘irrsinnig’. Sie sollten das NICHT tun, Dr. Klement. Ich finde das nicht schön von Ihnen.“ Die Gestalt im Sessel lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, als ob sie beleidigt wäre. Auch die Stimme hatte einen schmollenden Unterton angenommen, als Busch fortfuhr:
„Ich habe Ihnen bereits mehrfach mitgeteilt, Dr. Klement, dass mein Geisteszustand hervorragend ist und ich keine weitere Behandlung benötige. Ich kann die Art, in der Sie meine Gefühle missachten, wirklich nicht gutheißen. Deshalb möchte ich Ihnen, wie ich bereits eingangs erwähnte, eine kleine Lehre erteilen. Zu diesem Zweck habe ich das Skalpell an mich genommen, das Sie in der Schublade Ihres Schreibtisches aufbewahren.“
Dr. Klement erstarrte. Der Mensch, der ihm gegenüber in seinem eigenen Sessel saß, redete wirres Zeug, so viel stand fest. Aber, dass der Arzt in seiner Schreibtischschublade ein Skalpell liegen hatte, entsprach der Wahrheit. Das Instrument war ein Erinnerungsstück, eine Art Talisman, der ihn an seine ersten Studiensemester und den Anatomiekurs erinnerte. Wie hatte der Kerl davon erfahren?! Die Schublade war doch immer verschlossen! Stefan Klement überlegte. Niemand wusste von dem Skalpell – nur er selbst. Aber –, wenn diese Information keinem außer ihm zugänglich war, dann ... ja, dann ...
Ganz plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Auf einmal war die Sache sonnenklar. Dieser seltsame nächtliche Besuch, dieser schattenhafte Nikolaus Busch mit seinen abartigen Mordphantasien – all das war nichts weiter als ein Produkt seiner überreizten Nerven! Dr. Klement hatte Ähnliches schon in Lehrbüchern gelesen, wenn ihm auch in seiner Praxis noch kein solcher Fall begegnet war. Vollkommen normale, geistig gesunde Menschen konnten solchen Halluzinationen zum Opfer fallen, wenn nach äußerster Anspannung abrupt eine Phase der Entspannung eintrat. „Richtig!“, dachte er, „übermäßiger Stress wirkt sich auf die Hypophyse aus. Bei plötzlichem Spannungsabfall können in Extremsituationen Sinnestäuschungen ausgelöst werden. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?“ Stefan Klement musste lachen. Er war auf ein Trugbild hereingefallen. Aber gut, nun war es vorbei. Nun wusste er auch, was er zu tun hatte. Er würde einfach die Augen schließen und wenn er sie gleich darauf wieder öffnete, würde der Spuk verschwunden sein. Drei-, viermal kniff er die Lider zusammen, bis er rötliche Lichtreflexe sah. Dann machte er die Augen auf und blickte nach dem Kamin. Na bitte! Der Sessel war leer! Kein Nikolaus Busch, kein Schatten und keine Nachtgespenster. Aber, immerhin: der Schreck war ihm doch in die Glieder gefahren. Lächelnd schüttelte Dr. Klement den Kopf. „Vielleicht sollte ich mal wieder Urlaub machen“, dachte er und starrte nachdenklich ins Feuer. „So ein Unsinn“, murmelte er zu sich selbst, „ein Irrer – hier, in meinem Wohnzimmer!“
Erfüllt von dem Gedanken an den letzten Rest Wein in der Flasche und die Aussicht auf sein warmes Bett räkelte sich Stefan Klement. Mit geschlossenen Augen dehnte er seine Arme und Beine und streckte den Oberkörper, sodass sein Kopf sich nach hinten über die Sessellehne bog. Mit einem wohligen Seufzen machte er die Augen auf und – blickte in ein anderes Paar Augen: eiskalte graue Pupillen, die ihn von oben herab betrachteten. Ein irrer Blick, der sein Opfer starr fixierte. Seltsamerweise verspürte Dr. Stefan Klement überhaupt keine Angst - nur irrsinniges Erstaunen: Es war doch nur eine Täuschung gewesen.
Den Schnitt durch seine Kehle spürte er kaum.

 

Weitere Produktinformationen

Autor

Johannes SindlJohannes Sindl

Erscheinungsdatum 2006
Seiten 141
Einband Paperback
ISBN-13 978-3-9810777-1-1

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